„Warum sollte jemand eine Vergewaltigung erfinden?“

Über den TV-Film „Verletzte Gefühle“ (Folge 02 Staffel 44 „Der Alte“)

„Warum sollte jemand eine Vergewaltigung erfinden?“ fragt die junge Kommissarin Annabell Lorenz Hauptkommissar Voss in dem Krimi-Klassiker aus München – überzeugt davon, dass die Aussage nicht anzuzweifeln sei. Die meisten von uns teilen diese Überzeugung, wenn ein solcher Vorwurf im Raum steht. Noch dazu, wenn er von einer selbstsicheren Frau wie der Chefin eines Flirtportals geäußert wird, dem geraden Gegenteil eines Opfers. (Glaubhaft von Sabine Bormann als Jasmin Wenzel dargestellt.)

In Zeiten von #MeToo wird es heute beinahe schon zur Selbstverständlichkeit, dem vermeintlichen Opfer einer Vergewaltigung Glauben zu schenken, ohne die Anschuldigung zu hinterfragen. Und gerade bei einem Sexualdelikt erstreckt sich vorbehaltloser Opferschutz und gleichzeitiger Täter-Malus augenblicklich auf soziales Umfeld, Nachbarschaft, die eigene Familie, ja ermittelnde Beamte und reicht nicht selten bis in den Gerichtssaal hinein. Es bedeutet einen spezialisierten juristischen Kraftakt, der möglichst frühzeitig ansetzen sollte, um einen vermeintlichen Täter aus einer solchen erdrückenden Umklammerung zu lösen.

Nun, diese Eigendynamik findet in „Verletzte Gefühle“ nur ansatzweise statt. Ihr steht die Figur des Hauptkommissars Voss entgegen. Er ist „Der Alte“, der sich Kraft seiner Menschenkenntnis und reichen Erfahrungswerte nicht beirren und täuschen lässt. Im Unterschied eben zu der jungen Kommissarin. Als erfahrene Fachanwältin für Strafrecht mit der Spezialisierung auf Sexualstrafrecht kann ich hier die Erfahrung des „Alten“ nur bestätigen. Es ist gerade bei Vorwürfen wegen eines Sexualdelikts essentiell, den objektiven Blick zu bewahren und der Unschuldsvermutung Raum zu geben. Allzu oft erweist es sich, dass Anschuldigungen wegen eines Sexualdelikts nicht der Wahrheit entsprechen. In vielen Fällen verbirgt sich dahinter ein schwer zu durchschauendes Gefühlschaos, deren Ausmaß der Anklägerin selbst oft nicht bewusst ist.

Das Milieu, in dem die Story des Serien-Krimis spielt, ist aktuell und hochmodern. Es geht um Sex im Zeitalter von Tinder, um Dating- und Flirt-Portals, um professionelles Flirten, das von dem sog. „Pick-Up Artist“ Stefan Radisch trainiert wird. Worum es dabei im Grunde geht, erscheint altbekannt: Der Professionalisierung von Liebe und Sex und entsprechender Beziehungen zwischen Mann und Frau, steht eine nur allzu menschliche Welt aus enttäuschten und eingebildeten Gefühlen entgegen, die Lüge und Verrat hervorrufen.
Die Freundin der vermeintlich vergewaltigten Frau und zweite Inhaberin des Flirt-Portals Luise Schäfer wird ermordet. Die Ermittlungen führen zum „Pick-Up Artist“. Im Film bedient er die klassischen Klischees vom Mann, der die Meinung verbreitet, dass Frauen im Grunde unterworfen werden wollen. In seinen Flirt-Trainings lehrt er exklusiv bedürftigen Männern: „Die Frauen wollen von euch genommen werden“ und „Die Frauen erwarten von euch, ein Alpha-Mann zu sein.“ Umso glaubwürdiger erscheint der Vorwurf der Vergewaltigung gegen ihn, der von Jasmin geäußert wird, um ihrem Freund zu erklären, warum sie sich ihm entzogen habe und keinen Sex mit ihm haben konnte. Der Freund zieht sofort los, um auf den „Pick-Up Artist“ loszugehen.

Zuvor hat Jasmin diese Geschichte bereits ihrer Partnerin, dem Mordopfer erzählt, die in einem Buch darüber geschrieben hat. Zu Recherche-Zwecken hat sie dem Mitarbeiter Werner Wosnak aufgetragen, an einem Flirt-Coaching des „Pick-Up-Artist“ teilzunehmen und ihn dann aber wegen finanzieller Gründe aus seinem Job für das Flirt-Portal entlassen. Zugleich weiß der Zuschauer nun auch, dass Luise mit dem Freund von Jasmin ein Verhältnis hatte.

Es offenbart sich ein höchst verworrenes Chaos der Gefühle. Mit dem Blick der Fachanwältin lassen sich dabei Muster erkennen, die tatsächlich Realität abbilden. Der Zuschauer weiß mittlerweile, dass Jasmin Wenzel nicht nur vermeintliches Opfer, sondern auch eine kühl berechnende Frau ist, die Sex gezielt einsetzt, indem sie sich zum einen aus Kalkül von ihrem Mitarbeiter Werner vögeln lässt, zum anderen sich ihrem Freund gegenüber sexuell entzieht. Es wird allerdings auch deutlich, dass sie ein großes Problem mit Ablehnung hat. Wird ihr eine Abfuhr (wie sich herausstellt durch den „Pick-Up Artist“) erteilt oder droht jemand die Trennung (wie ihr Freund) an, reagiert sie narzisstisch und hochemotional. Sie wird zum leidenden und heulenden Elend oder zur hasserfüllten wütenden Frau, die soweit geht, dass sie die gravierende Anschuldigung der Vergewaltigung erhebt.
Am Ende stellt sich der Mitarbeiter Werner Wosnak als Täter heraus. Im Grunde ist er das mitleidenswerte Opfer. Er wurde von Luise Schäfer benutzt und entlassen. Jasmin Wenzel manipulierte ihn mit Sex. Er ist auf ihre Lügen hereingefallen und hat deshalb im Affekt den Mord gegangen und danach das Messer gegen sich gerichtet.
Wie es sich für einen Krimi gehört – was sich jedoch in der Realität meist nicht ganz so einfach darstellt – kommt am Ende die Wahrheit zu Ihrem Recht: Jasmin Wenzel erwartet eine Klage wegen vorsätzlich falscher Anschuldigung.