Die Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage nach Kriterien der Aussagepsychologie prüfen

Aussagepsychologische Methoden haben sich für die Untersuchung der Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage als Meilenstein für die Verteidigung im Sexualstrafrecht herausgestellt. Dies ist deshalb so bedeutsam, weil es hier in aller Regel an objektiven Beweismitteln wie Augenzeugen, Tonbandaufnahmen, Spuren oder Bewegungsdaten deA. Patsch, Strafverteidigung auf Grundlage von Aussagepsychologier Telekommunikation mangelt, da etliche Vorwürfe erst Jahre, manchmal Jahrzehnte (!) nach der angeblichen Tat erhoben werden. Die Belastungsaussage ist in diesen Fällen zumeist das einzige Beweismittel. Eine direkte Folge sind häufig Falschaussagen zum Nachteil meiner Mandanten.

Für eine erfolgreiche Verteidigung wird ein versierter Strafverteidiger Sexualstrafrecht der Staatsanwaltschaft bereits in der Verteidigerschutzschrift darlegen, dass es sich hier um eine bewusst oder unbewusst getätigte Falschaussage handeln könnte. So wird die Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage möglichst früh auf den Prüfstand gestellt und diese gegebenenfalls rechtzeitig als Falschaussage enttarnt.

Besonderheit im Sexualstrafrecht: „Aussage-gegen-Aussage“-Konstellation

Statt objektiver Beweismittel stehen sich die Belastungsaussage einerseits und die bestreitende Aussage des Mandanten in einer Aussage-gegen-Aussage-Konstellation widersprüchlich gegenüber. Das Fatale: Entsprechend höchstrichterlicher Rechtsprechung kann ein Beschuldigter aufgrund einer alleinigen ihn belastenden Aussage verurteilt werden, sofern diese den aussagepsychologischen Prüfkriterien standhält, d.h. glaubhaft ist.

Glaubhaftigkeit der Zeugenaussage statt Glaubwürdigkeit der Person!

Zu unterscheiden ist an dieser Stelle zwischen der Glaubwürdigkeit einer Person und ihrer Glaubhaftigkeit. Eine gesellschaftlich äußerst angesehene Person kann eine völlig unglaubhafte Aussage machen, wenn sie denn zu bekunden versucht, was jeglichen Erlebnishintergrund entbehrt. Und umgekehrt könnte selbst „Münchhausen“ eine glaubhafte Aussage erstatten, wenn er hierbei dieses eine Mal bei der Wahrheit bleibt.

Bewusste und irrtümliche Falschaussagen

In der Tendenz finden sich bewusste Falschaussagen eher im Bereich der Anzeigen Sexueller Übergriff und Vergewaltigung. Insbesondere der Vorwurf Vergewaltigung wird oft aus persönlichem Racheverlangen erhoben und bedarf der gezielten Verteidigung durch einen spezialisierten Anwalt Vergewaltigung. Bei den Falschaussagen im Bereich der Anzeigen Sexueller Missbrauch von Kindern, Sexueller Missbrauch von Jugendlichen und Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen handelt es sich dagegen häufig um irrtümliche Falschaussagen, von deren Richtigkeit die Zeugen Jahre bis Jahrzehnte nach der vermeintlichen Tat selbst überzeugt sind. Denn zumeist sind diese „Erinnerungen“ Folgen von Autosuggestion und Heterosuggestion; häufig ausgelöst durch therapeutische Intervention in einer Krisenphase, Rückführungen oder Hypnose. In diesem Zusammenhang kommt auch der Problematik der sog. “Pseudoerinnerungen” sowie dem Komplex der sog. “wiedererwachten Erinnerung” eine immense Bedeutung zu. Im Fall von voneinander getrennt lebende Elternteilen in familienrechtlichen Verfahren rund um die Streitigkeiten um das Sorgerecht kommt es häufig vor, dass ein Elternteil dem Kind einen angeblichen sexuellen Missbrauch seitens des jeweils anderen Elternteils suggeriert.

Einzig verbleibende Verteidigungsmöglichkeit: Aussagepsychologie

Wo eine Aussage-gegen-Aussage-Konstellation durch das Fehlen objektiver Beweismittel nicht aufgelöst werden kann, kommt die forensische Aussagepsychologie zum Tragen. Hierbei handelt es sich um einen Zweig der Rechtpsychologie, der sich besonders für die Strafverteidigung gegen den Vorwurf einer Sexualstraftat eignet.

Eines der großen Beschäftigungsfelder der Aussagepsychologie ist die Begutachtung der Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage insbesondere in Sexualstrafverfahren sowie bei Streitigkeiten um Sorge- und Umgangsrecht in familienrechtlichen Streitigkeiten. Kern der Aussagepsychologie ist die Beurteilung der Frage, ob eine Aussage, insbesondere eine Zeugenaussage, glaubhaft ist oder nicht.

Diese Frage nach der Glaubhaftigkeit der Aussage ist die entscheidende Frage überhaupt – denn ihre Beantwortung allein führt zu einer Einstellung des Ermittlungsverfahrens oder zur Anklage; zu einem Freispruch oder zu einer Verurteilung.

Meine Erfahrung der letzten 10 Jahre, in denen ich vertieft und erfolgreich im Sexualstrafrecht verteidigt habe, hat bewiesen, dass die effektive Verteidigung im Sexualstrafrecht ohne sehr fundierte Kenntnisse in der Aussagepsychologie und ein funktionierendes Netzwerk mit anerkannten Aussagepsychologen schlicht unmöglich ist.

Aussagepsychologie ist BGH-Rechtsprechung

Bereits im Jahr 1954 (BGH [5 StR 416/54][1] ) hatte der BGH das Erfordernis eines aussagepsychologische Gutachten für Konstellationen, in denen Zeugenaussagen von Kindern oder Jugendlichen die alleinigen oder wesentlichen Beweismittel darstellen, postuliert.

1999 hat der Bundesgerichtshof (BGH) den enormen Stellenwert der Aussagepsychologie für die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen schließlich endgültig anerkannt (BGH, 1 StR 618/98, Urteil v. 30.07.1999).

Grundlagen der Aussagepsychologie

Aussagepsychologische Arbeit bedeutet „Hypothesen-Testen“

Der Ausgangspunkt einer aussagepsychologischen Beurteilung ist die Aussageanalyse und mit ihr die empirische Erkenntnis, dass sich die Schilderung eines wahren Geschehens von der Schilderung eines -bewusst- unwahren Geschehens (also einer Lüge), grundlegend unterscheidet.

Die Beurteilung der Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage vollzieht sich dabei anhand der Bildung verschiedener wissenschaftlich erarbeiteter Hypothesen, deren Ausgangshypothese – entsprechend der Unschuldsvermutung- die sog. Nullhypothese ist.

„Null-Hypothese“ in der BGH-Rechtsprechung

Der BGH hat in der Grundsatzentscheidung (BGHSt 45, 164 ff) erstmals den Begriff der „Nullhypothese“ übernommen, die auf den Psychologen Udo Undeutsch zurückgeht. Damit legt er die wissenschaftlichen Anforderungen, die an die Glaubhaftigkeitsbegutachtung zu stellen sind, klar fest.

Die Nullhypothese besagt, dass „die Aussage keinen Erlebnisbezug“ hat. Sonach gilt es, sämtliche Hypothesen, die als naheliegende Begründungen für einen fehlenden Erlebnisbezug in Betracht kommen, zu prüfen. Die Beurteilung der Glaubhaftigkeit einer Zeugenaussage vollzieht sich anhand der Bildung verschiedener wissenschaftlich erarbeiteter Hypothesen, deren Ausgangshypothese – entsprechend der Unschuldsvermutung- die sog. Nullhypothese ist.

Hypothesenbildung ist individuell und einzelfallabhängig

Welche Hypothesen im konkreten Fall also zu bilden sind, orientieren sich an dem individuell zu beurteilenden Sachverhalt. Es kommt also jeweils darauf an, welche Gründe als Erklärung für eine - unterstellt - unwahre Aussage in Betracht kommen. Lässt sich die Hypothese einer bewussten Falschaussage (Fantasiehypothese) zurückweisen, dürfte hierbei am meisten bedeutsam die Suggestionshypothese sein. Mithin die Möglichkeit, dass die zu begutachtende Aussage auf auto- oder fremdsuggerierten Prozessen anstatt auf realem Erleben beruht.

Aussagepsychologie im Sexualstrafrecht bei Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen

So führt der BGH aus: „ a) Das methodische Grundprinzip besteht darin, einen zu überprüfenden Sachverhalt (hier: Glaubhaftigkeit der spezifischen Aussage) so lange zu negieren, bis diese Negation mit den gesammelten Fakten nicht mehr vereinbar ist. Der Sachverständige nimmt daher bei der Begutachtung zunächst an, die Aussage sei unwahr (sog. Nullhypothese). Zur Prüfung dieser Annahme hat er weitere Hypothesen zu bilden“.

Weitere Unwahrhypothesen

Derartige Erklärungen (Hypothesen) für den mangelnden Erlebnisbezug können insbesondere darin bestehen, dass die Aussage das Produkt autosuggestiver Prozesse - anstelle eines realen Erlebnisbezugs - ist. Alternativ, als weitere Unwahrhypothesen, wären etwa die Hypothesen denkbar: „Die Aussage ist das Produkt einer bewussten Induktion durch Dritte“. Oder, ferner, „Die Aussage ist in wesentlichen Elementen das Produkt einer verzerrten Wahrnehmung und Erinnerung“.

Wahrannahme erst bei Verwerfung sämtlicher (!) Unwahrhypothesen!

Einzig dann, wenn sämtliche Erklärungsversuche, wie denn die Aussage – wenn nicht durch tatsächliches Erleben des Aussagenden - zustande gekommen sein könnte, gilt die Annahme eines tatsächlichen Erlebnisgehalts und damit des Wahrheitsgehalts der Aussage.

Mit anderen Worten: Erst dann, wenn sich die Aussage weder durch suggestive Prozesse (Suggestionshypothese) noch andere Unwahrhypothesen erklären lässt und sich sämtliche Unwahrhypothesen zurückweisen lassen, gilt die Aussage als wahr, sie hat Erlebnisbezug.

Lügen ist geistig anstrengender

Naturgemäß erfordert die Schilderung einer Lüge von dem Aussagenden eine höhere geistige Leistung als die Schilderung eines tatsächlich erlebten Sachverhaltes. Insbesondere kann die lügende Person „ihre Geschichte“ nicht aus dem Gedächtnis rekonstruieren. Vielmehr ist sie bei ihrer Schilderung auf gespeichertes Allgemeinwissen angewiesen, auf dessen Grundlage sie den geschilderten Sachverhalt erfinden und insbesondere auch über längere Zeiträume abrufbereit speichern muss. Demnach geht die Aussagepsychologie davon aus, dass ein Lügner in seinem Bestreben, eine möglichst konsistente Geschichte zu präsentieren, weniger reale Handlungselemente schildern werde.

Hingegen könne eine Person, die über tatsächlich Erlebtes berichtet, ihren Bericht mühelos aus dem Gedächtnis rekonstruieren. Demnach werde sie auch eigenes Empfinden während des berichteten Geschehens schildern, Erinnerungslücken einräumen, sich selbst korrigieren oder belasten; den Beschuldigten entlasten, Details - insbesondere auch nebensächliche oder ausgefallene - schildern, sowie raum-zeitliche Verknüpfungen, abgebrochene Handlungsketten, unerwartete Komplikationen oder unverstandene Handlungselemente in ihren Bericht einfließen lassen.

Die strukturellen und inhaltlichen Unzulänglichkeiten einer erfundenen Geschichte lassen sich schließlich im Rahmen einer aussagepsychologischen Untersuchung gezielt identifizieren.

Konsequenz der Unschuldsvermutung: Freispruch

Lässt sich vor dem Hintergrund der aufgeführten aussagepsychologischen Anforderungen die Zeugenaussage nicht mit der Maßgabe aufrechterhalten, dass diese über einen realen Erlebnisbezug verfüge, oder ließe sie sich auch als das Produkt autosuggestiver Prozesse erklären, so bedeutet dies im Ergebnis, dass die Belastungsaussage jedenfalls in aussagepsychologischer Hinsicht nicht glaubhaft ist. Das Verfahren ist dann einzustellen bzw. der Mandant von dem Vorwurf der Sexualstraftat freizusprechen.

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