Moral & Gewissen

Kann, „darf“ ich denn verteidigen – und: vor allem: gut verteidigen - wenn ich weiß, dass mein Mandant eine schwere Straftat begangen hat?

In meinen Augen ist dies sogar die vornehmliche Aufgabe der Strafverteidigung! Denn dass jeder Beschuldigte ein Recht auf Strafverteidigung hat, folgt bereits aus der Menschenrechtskonvention (Art. 6 Abs. 1 MRK).

Ebenso besagen Art. 6 Abs. 2 MRK und Art. 20 II und 28 I Satz 1 GG, dass jedermann als unschuldig gelten, (zu ergänzen wäre: „und als unschuldig behandelt werden muss“ (!) bis seine Schuld bewiesen ist!

Um diese wohlklingenden Grundsätze durchzusetzen hat indes der Beschuldigte oder Angeklagte einer Sexualstraftat im Justizalltag regelmäßig keine Handhabe! Insbesondere fehlt es an rechtsstaatlichen Mitteln, sich gegen Vorverurteilung zu wehren, unberechtigte Untersuchungshaft und den verbleibenden "Makel".

Vielmehr ignorieren Gesellschaft, Justiz und Öffentlichkeit die Gefühle des Beschuldigten und Angeklagten – seine Angst, seine Verzweiflung und seinen Schaden an der Psyche! Und offenbar vergessen die allermeisten Vertreter von Gesellschaft, Öffentlichkeit und Justiz nur zu gerne, dass jeder Mensch zu Unrecht in die „Mühlen“ von Justiz und Öffentlichkeit geraten kann solange, bis ihnen dies selbst widerfährt!

Vor diesem Hintergrund verbietet sich für mich als Verteidiger die Frage nach einem„"Gewissenskonflikt" und die Anmaßung moralischer Wertung bei der Verteidigung gegen die Vorwürfe schwerer Straftaten!

Vielmehr sehe und verspüre ich eher im Gegenteil die Berechtigung von Gewissenskonflikten – nämlich dann, wenn ein tatsächlich Unschuldiger zu Unrecht verurteilt wird! Ein Justizirrtum ist keine Seltenheit! Der Bereich der Sexualdelikte dürfte die größte Zahl der Justizirrtümer ausmachen!

Und gerade die staatliche Anklage der Vorwürfe sexuelle Nötigung, Vergewaltigung und Kindesmissbrauch ist verkehrt regelmäßig den Grundsatz, wonach eben gerade nicht der Beschuldigte oder Angeklagte seine Unschuld beweisen muss, sondern vielmehr Staatsanwaltschaft und Gericht obliegt, die Schuld des Beschuldigten oder Angeklagten zu beweisen!

Daher ist es für mich als Ihre Verteidigerin völlig unerheblich, ob sie die Ihnen vorgeworfene Tat wirklich begangen haben oder nicht.